Vom Gäu ins Allgäu

© Barbara Waldvogel

© Barbara Waldvogel

© Barbara Waldvogel

© Barbara Waldvogel

© Barbara Waldvogel

© Barbara Waldvogel

© Barbara Waldvogel

© Barbara Waldvogel

Die Evangelische Kirchengemeinde in Leutkirch hatte am Sonntag Grund zu großer Freude: Nach über einjähriger Vakatur wurde Tanja Götz von Codekan Gottfried Claß in der Dreifaltigkeitskirche auf die Pfarrstelle Nord berufen. Nach dem anschließenden Empfang mit Gruß- und Dankesworten nahmen die Gäste aus Kayh und Mönchberg bei Herrenberg teilweise sehr bewegt Abschied von ihrer 40-jährigen Pfarrerin. Leutkircher Gottesdienstbesucher aus Kirchengemeinde und Stadt wiederum konnten schon erste nette Kontakte knüpfen.

Vor der Amtsverpflichtung stellte sich die neue Pfarrerin der Gemeinde vor. Sie zeigte sich erfreut über die schon sehr positiven Erfahrungen beim Umzug in ihr neues Heim. Dabei erzählte sie schmunzelnd, dass die ersten Verbindungen mit der Allgäustadt über ihren Hund entstanden seien. Denn ihr Husky ist ein echter Leutkircher. Nachdem ihr früherer Wirkungsbereich im sogenannten Gäu gelegen hatte, sei sie nun sehr gespannt auf das Allgäu: „Wie nahe man hier an den Alpen ist, hat mich fast umgehauen.“

Dass diese Pfarrerin allerdings von nichts so schnell umgehauen wird, belegte das bei einem Pfarreiwechsel übliche „Zeugenwort“ von Claudia Elisabeth Pfeiffer, Pfarrerin in Deufringen und Dachtel im Kirchenbezirk Böblingen. Als Kollegin kennt sie sehr wohl die Anforderungen in einem Pfarramt. Deshalb hätte sie eigentlich gerne einen Leuchtturm mitgebracht, von dem aus Götz immer wieder Abstand und Überblick gewinnen könne. Der Leuchtturm war zwar zur Laterne mutiert, die dann aber sehr sinnfällig an der Altarkerze entzündet wurde. Als Leitspruch gab Pfeiffer ihrer Kollegin den Vers 20 aus Psalm 18 mit: „Er führte mich hinaus ins Weite, er riss mich heraus; denn er hatte Lust zu mir.“ Diese Liebe Gottes möge sie begleiten, meinte Pfeiffer.

In der Amtsverpflichtung, die Codekan Claß verlas, sind die Aufgaben einer Pfarrerin mit den Worten umrissen: „Ich will in meinem Teil dafür Sorge tragen, dass die Kirche in Verkündigung, Lehre und Leben auf den Grund des Evangeliums gebaut werde, und ich will darauf achthaben, dass falscher Lehre, der Unordnung und dem Ärgernis in der Kirche gewehrt werde. Ich will meinen pfarramtlichen Dienst im Gehorsam gegen Jesus Christus nach der Ordnung unserer Landeskirche tun und das Beichtgeheimnis wahren.“ Von Tanja Götz kam ein festes, klares „Ja!“.

Als neu eingesetzter Leutkircher Pfarrerin hielt sie dann ihre erste Predigt. Mit Freude und großer Dankbarkeit stehe sie hier auf der Kanzel – und ganz ohne „die große Furcht“, wie sie im Predigttext zu diesem Sonntag über den Besuch des Apostels Paulus in der Gemeinde von Korinth anklingt (1. Kor. 2-10). Götz entwarf das Bild eines Apostels, der nicht als strahlender Redner die Weisheit der Welt verkündete, sondern sich allein auf die frohe Botschaft und die Kraft Gottes berief. Auch in unseren Tagen sei es immer wieder wichtig, nachzufragen, auf was es letztlich ankomme. Der Gemeinde sagte sie zu: „Uns eint die Frohbotschaft zu haben und sie weiterzutragen. Wir dürfen dieser Botschaft ein Gesicht geben – im Ehren- und im Hauptamt“. Ein Zeichen der Ermutigung setzte der Projektchor unter Leitung von Juliane Wiencke-Krause mit seinem Schlusslied „Vertraut den neuen Wegen“. Herbert Jess begleitete den Auszug mit imposantem Orgelspiel.

Nach Gottesdienst und Kirchenkaffee lud die Gemeinde zu Grußworten und vom Festausschuss liebevoll hergerichteten Imbiss in den in aller Schnelle umgebauten Kirchenraum ein. Von der katholischen Gemeinde war Pastoralreferent Benjamin Sigg gekommen, der von ersten Kontakten mit Pfarrerin Götz und ihrem Mann erzählte, als die Sternsinger sie im neuen Heim aufsuchten. Beide Kirchen prägten das Stadtbild, meinte er, was sinnbildlich als gute ökumenische Verbundenheit gewertet werden könne. Beide Kirchen sähen sich in Zukunft aber auch großen Herausforderungen gegenüber, und so gelte es genau zu schauen, was machbar ist und was man lassen könne.

Anschließend bat Volker Gerlach, der die Moderation übernommen hatte, Oberbürgermeister Hans-Jörg Henle um sein Grußwort. Dieser griff die Frage aus der Predigt auf, wann man eigentlich zum letzten Mal gestaunt habe. Henle musste nicht lange überlegen: „Das war beim Neujahrsempfang am Freitag, als mir wieder einmal das große ehrenamtliche Engagement der Leutkircher bewusst wurde.“ Gestaunt habe er aber auch am Samstag, als er mit seiner Frau auf den Schwarzen Grat gewandert sei und die herrliche Landschaft genießen durfte. „Unser Herrgott hat schon alles sehr perfekt gemacht.“ Den Neuankömmlingen wünschte er, dass sie so schnell wie möglich richtige Allgäuer werden.

„Allgäuer sind Tiefwurzler“, erklärte Henle. Aber sie sind keineswegs so verdruckt, wie es gerne kolportiert wird. Das versicherte die gewählte Vorsitzende des evangelischen Kirchengemeinderats, Barbara Waldvogel. Sie zeigte sich sichtlich erleichtert, dass die über einjährige Vakaturzeit nun beendet ist, hielt noch einmal einen Rückblick auf das ereignisreiche vergangene Lutherjahr und ermutigte die Pfarrerin zu Kreativität und Offenheit bei ihrer zukünftigen Arbeit.

Damit sie bei allen Anforderungen im Dienst trotzdem noch freie Zeit zum Erkunden der schönen neuen Heimat finde, dazu ermutigten sie Pfarrerin Ulrike Rose aus Leutkirch und Pfarrer Jörg Scheerer aus Kißlegg. Ihre Geschenke: Bücher über Leutkirch und Umgebung mit Wanderkarte samt Einkehrmöglichkeiten – zum Ausspannen.

Warum wir uns an Weihnachten beschenken

In der Rahmenhandlung unseres Krippenspiels ging es um eine heutige Familie, die sich Gedanken über den Sinn des Schenkens  an Weihnachten machte, ehe dann auf der Bühne Maria und Josef, die Wirte und die Hirten sowie Ochs und Esel die Erklärung dafür lieferten. Außerdem sorgte eine kleine anmutige Engelschar mit einem reizenden Tanz für den Zauber dieser besonderen Nacht. Pfarrerin Ulrike Rose dankte allen Mitwirkenden von Herzen, und für die kleinen Gäste gab es noch ein Sternchen aus Honigwachs mit auf den Heimweg.

 

 

Die Reformation in Leutkirch

© bawa

Pfarrarchivar Emil Hösch erläutert seine Ausstellung.

Zum Abschluss des Reformationsjahres informierte Emil Hösch, Archivar der katholischen Kirchengemeinde Leutkirch, über die Ereignisse in Leutkirch in der Folge von Luthers Thesenanschlag. Hösch hatte eine Ausstellung  zusammengestellt, die den Verlauf dokumentierte. So waren zum Beispiel Fotokopien des Protokolls der Anstellung eines evangelischen Predigers und   Briefe  der Stadt an den Patronatsherrn Abt Gerwig mit der Mitteilung der Annahme der „Augsburger Religion“  zu sehen. Des weiteren die für die konfessionelle Lage in Leutkirch wichtigen Verträge von Weingarten (1562, gegenseitige Anerkennung der Konfessionen und Überlassung von drei Pfründen an die Protestanten) und von Biberach (1672, Bürgerrecht für 25 katholische Familien) oder das erste erhaltene Protokoll einer evangelischen Trauung. Die meisten Dokumente waren bis zu der Ausstellung nicht veröffentlicht worden. 

Die Lutherglocke ist da

© bawa

© bawa

Ein großer Augenblick für die Evangelische Kirchengemeinde in Leutkirch: Am 17. Oktober 2017 wurde die neue Lutherglocke in den Turm der Dreifaltigkeitskirche hochgezogen. Schon den ganzen Tag über hatte die mit Stiefmütterchen umkränzte, 1400 Kilogramm schwere D‘-Glocke vor dem Kircheneingang Neugierige angelockt. Da konnte man auch noch in aller Ruhe die eingeprägten Verzierungen und  Inschriften n Augenschein nehmen. „Ein feste Burg ist unser Gott“ – der Anfang von Martin Luthers Lied aus dem Jahr 1529 ziert am unteren Rand das Prachtstück aus der Gießerei Bachert in Karlsruhe. Darüber prangt die Lutherrose. Beides sind sinnfällige Symbole zum 500-Jahr-Jubiläum der Reformation. So hat es sich auch die Familie Gerhard Stör gewünscht, die als Stifter ebenfalls mit einer Inschrift gewürdigt wird.

Bereits gegen 15.30 Uhr hatten sich viele Interessierte rund um den Martin-Luther-Platz eingefunden, um das außergewöhnliche Erlebnis mit zu verfolgen. Ihre Geduld wurde allerdings etwas auf die Probe gestellt, denn erst gegen 17 Uhr bog der riesige Kranwagen in die Evangelische Kirchgasse ein. Schon allein das Aufstellen dieses Ungetüms war ein Schauspiel. Bevor Peter Lorenz, Mitarbeiter der Firma Bachert, die Glocke dann am Haken befestigte, betete Pfarrer Volker Gerlach mit der Gemeinde: „Wir bitten dich, dass diese Glocke nicht überhört wird, sondern dass ihr Klang das Herz vieler erreicht.“ Nach einem „Vater unser“ und der ersten Strophe des Liedes „Großer Gott, wir loben Dich“ hob sich die Glocke vom Boden.

Zunächst gab es noch einmal einen Stopp. Mit drei wuchtigen Schlägen eines Vorschlaghammers brachte Lorenz die Glocke zum Klingen. Dann nahm der Kran Fahrt auf, fuhr hoch hinauf und schwenkte über die Dächer der umstehenden Häuser, um die Glocke an der vorgesehen Stelle des Turms zu platzieren. Allerdings musste sie dann doch noch einmal kurz abgesenkt werden, um die Haltelasche zu verändern. Aber beim zweiten Anlauf klappte alles perfekt, und die Glocke wurde schließlich in den Turm hineingezogen.

Läuten wird sie erstmals zum Gottesdienst am Reformationstag am 31. Oktober. Damit wird auch sogleich die Bestimmung der fünften und nun auch größten Glocke deutlich: Sie dient vornehmlich dem Sonntags- und Festtagsgeläute.  

Vom Zitieren in Zeiten der Fake-News

© bawa

Im Luther-Saal unter dem Luther-Bild bei seinem Luther-Referat: Friedemann Weitz.

„Tritt frisch auf, mach‘s Maul auf, hör‘ bald auf!“ Mit diesem Zitat hat Friedemann Weitz im Martin-Luther-Saal des evangelischen Pfarrhauses seinen Vortrag begonnen – und sich auch exakt daran gehalten. Die Frage war nur: Stammt der Satz tatsächlich, wie kolportiert wird, von Martin Luther? Genau darum ging es dem Pädagogen im Ruhestand, der unter dem Titel „Dem Reformator aufs Maul geschaut“, unterfüttert durch akribisches Quellenstudium, darlegte, was Luther wirklich gesagt hat.

Vor mehr als 40 Zuhörern beleuchtete Weitz in einem blitzgescheiten, frei gehaltenen und mit Pointen gespickten Vortrag, dass so manches Zitat, das jedermann kennt und Luther als Urheber zumisst, gar nicht von dem wortgewaltigen Reformator stammt. Falsch zitiert zu werden, passiert allerdings nicht nur Luther seit Jahrhunderten. Zur Einstimmung schlug Weitz im Reformationsjahr im Flur des Pfarrhauses – nein, keine Thesen – aber das  „Streiflicht“ der „Süddeutschen Zeitung“ vom Wochenende an die Wand, das sich diesem Thema gewidmet hatte: „Meine Damen, meine Herren, liebe Neger“. Diese haarsträubende Formulierung stammt vom ehemaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke – so hat es sich tief ins kollektive Gedächtnis der Nachkriegsgeneration eingegraben. Aber das ist falsch: Journalisten hatten es ihm in den Mund gelegt!

Irren ist zwar menschlich, bewusste Falschmeldungen in die Welt zu setzen aber sträflich. Besonders krass zu erleben in unserer postfaktischen Zeit mit der explosionsartigen Vermehrung von Fake News dank der sogenannten sozialen Medien. Im krassen Gegensatz dazu stand nun die exakte wissenschaftliche Beweisführung von Friedemann Weitz – und das machte den Vortrag auch so wichtig. Der höchst belesene Kenner alter Sprachen verknüpfte geschickt die Stränge von Luthers Biografie mit verschiedenen populären Redensarten – ob es um seine Kommentare zur Bibel ging, um sein Vergnügen an derben Sprüchen oder um seine Vorliebe für das Pflanzen von Apfelbäumchen angesichts herannahender Katastrophen. Und dann kamen sie auf den Prüfstand.

„Luther war schon zu Lebzeiten legendär“, meinte Weitz. So hat der Wittenberger Theologe wohl auch selbst an seinen eigenen Legenden mitgeschrieben – etwa als er nach mehr als 30 Jahren erst seine Bekehrung durch den Blitzschlag bei Stotternheim 1505 zu Papier brachte: „Hilf du, heilige Anna, ich will Mönch werden.“ Hatte er da den genauen Wortlaut noch im Kopf? Wie Luther die Aufforderung  des Kaisers zum Widerruf auf dem Wormser Reichstag genau ablehnte, wird immer wieder diskutiert. Mit Sicherheit war es nicht das griffige, bekannte Zitat: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir“. Stattdessen fand Weitz allenfalls folgenden Wortlaut: „Ich kann nicht anderst, hier stehe ich, Got helff mir, Amen.

Neben vielen anderen Quellen wurde Weitz vor allem im Zitatennachweis von „D. Martin Luthers Werke“, Weimarer Ausgabe (WA) von 1883, fündig, die sämtliche Schriften Martin Luthers sowie seine von anderen aufgezeichneten mündlichen Äußerungen in Deutsch und Latein umfasst. Dort lässt sich auch Luthers 1530 geschriebener „Sendbrief“ mit der berühmten Erläuterung für eine volksnahe Übersetzung der Bibel nachlesen. „… man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen man auff dem Marckt drumb fragen und denselbigen auff das Maul sehen, wie sie reden und darnach dolmetzschen.“ Daraus wurde bekanntlich „dem Volk aufs Maul schauen“ – ein Begriff, der laut Weitz‘ Recherche allerdings erst 1950 in Anlehnung an Luther geprägt wurde.

Vom Spruch zum „verzagten A…“ über die Anleitung zu ehelichen Pflichten nach dem Motto „der Woche zwier schadet weder mir noch ihr“ bis zum lästerlichen antijüdischen Vers „Trau keinem Wolf auf wilder Heiden, auch keinem Jud auf seine Eiden…“ – Weitz breitete seinen bunten Zitatenschatz aus, stellte lesenswerte Literatur dazu vor, verteilte Lob und Tadel an Schriftstellerkollegen ob ihrer Quellenarbeit und erwies sich nicht nur als exzellenter Kenner Luthers, sondern zeigte auch auf kompakte und doch sehr amüsante Weise, dass Wissenschaft keinesfalls staubtrocken sein muss – auch wenn sie sich mit jahrhundealten Schriften befasst.

  • Meldungen aus der Landeskirche

  • Pflicht zum Widerstand

    Am 22. Februar jährt sich die Hinrichtung von Hans und Sophie Scholl sowie von Christoph Probst zum 75. Mal. Die Mitglieder der „Weißen Rose“ wurden durch das Fallbeil umgebracht, weil sie zum Widerstand gegen die Nazidiktatur in Deutschland aufriefen. Auch die Ulmer Martin-Luther-Kirche war Schauplatz ihres Widerstands. Und sie erinnert noch heute daran.

    mehr

  • Zum Gedenken an die "Weiße Rose"

    Zum 75. Todestag der NS-Widerstandskämpfer Hans und Sophie Scholl finden am 22. Februar in Ulm verschiedene Veranstaltungen statt.

    mehr

  • Aus gutem Grund

    Vom 10. bis 13. Mai 2018 findet in Stuttgart die Gesamttagung für Kindergottesdienst in der Evangelischen Kirche in Deutschland statt. Anmeldeschluss für die Tagung ist am 1. April. Einen Frühbucherrabatt gibt es bis zum 1. März.

    mehr

Alle Meldungen aus der Landeskirche auf www.elk-wue.de