Festgottesdienst im Zeichen der Dankbarkeit

Mit vollem Festtagsgeläut konnte zwar nicht zum Gottesdienst gerufen werden – dazu  fehlen noch die letzten statischen Sicherungsarbeiten im Turm. Aber beim Verlassen der Kirche ertönte dann für die Besucher das Sologeläut der neuen, schweren d‘-Glocke. Dieser Ausklang bildete den Höhepunkt eines Tages, auf den sich die Kirchengemeinde lange vorbereitet hatte. Schon vor Beginn des Gottesdienstes um 10 Uhr war dann auch klar: Alle Mühen haben sich gelohnt. Durch den großen Zustrom von Gemeindemitgliedern und Gästen aus anderen Kirchengemeinden sowie der ganzen Stadt kam das Kirchenschiff an seine Grenzen.
Eine aufrüttelnde Orgelimprovisation von Herbert Jess, Lieder wie „In dir ist Freude“ des Projektchors unter Leitung von Juliane Wiencke-Krause sowie das vierköpfige Ensemble der Stadtkapelle stimmten musikalisch festlich auf den Feiertag ein. Da man des Reformationsjubiläums in ökumenischer Verbundenheit gedachte, übernahm Pfarrer Karl Erzberger von der katholischen Kirchengemeinde St. Martin die Lesung aus dem Römerbrief. Den jungen Augustinermönch Luther hatte bekanntlich die eine Frage schier zur Verzweiflung getrieben: „Wie finde ich einen gnädigen Gott?“ Die erlösende Antwort fand er in Römer 3, 21-28: Allein durch den Glauben an Jesus Christus und durch die Gnade Gottes ist der Mensch gerechtfertigt. Nicht durch gute Werke oder gar durch den Ablass kann er die Rechtfertigung erwerben. Diese Bibelstelle gilt als die Kraftquelle für die reformatorische Bewegung schlechthin.
Es war allerdings eine Bewegung, in der Luther keineswegs nur als strahlender Held gilt. Wie sehr in seinem Leben die Angst ein ständiger Begleiter war, entwickelte Pfarrer Volker Gerlach in seiner Predigt über das Lied „Ein feste Burg“. Dafür gab der Psalm 46 dem Reformator die Inspiration. „Er hatte sich angesichts seiner Sorgen und Ängste in das Wort Gottes geflüchtet wie in eine Burg“, betonte Gerlach. Auch heute sei die Welt keineswegs heil, sondern bedeute Schrecken und Not für unzählige Menschen. So sei es die 2. Strophe von Luthers Lied mit ihren Hinweis auf den Retter Jesus Christus, die seit Jahrhunderten Hoffnung gebe, wenn alle weltliche Macht versagt. Deswegen macht diese 2. Strophe laut Gerlach aus dem vermeintlichen protestantischen Kampflied – immer wieder missbraucht, etwa im Kaiserreich oder in der Nazi-Zeit – ein Trostlied.

Nach seiner Predigt dankte er mit Blumen und Gutschein dem Stifterehepaar für seine großzügige Bereitschaft, die Kosten für die neue Glocke zu tragen. Bei der Sanierung war deutlich geworden, dass zum einen der Metall-Glockenstuhl durch einen Holz-Glockenstuhl ersetzt werden musste und zum anderen die kleine Taufglocke durch ihre Schwingungen sehr ungünstig auf die Eigenfrequenz des Turmes wirkte. Stattdessen war von der Statik her nichts gegen eine tiefer klingende Glocke als Ersatz einzuwenden. Da allerdings der Kirchengemeinde die Mittel dafür fehlten, sprangen Gerhard und Edeltraud Stör ein.
Einen Wermutstropfen gab es an diesem Tag auch: Juliane Wiencke-Krause verabschiedete sich als Leiterin des Kirchenchores. Zum Jubiläum hatten sich zwar erfreulicherweise viele Gastsänger von der katholischen Kirchengemeinde und aus Frauenzell eingefunden, aber der Kirchenchor der evangelischen Gemeinde stellt aufgrund mangelnder Mitglieder zunächst einmal seine Arbeit ein.
Die recht schwierigen Arbeiten im Turm erläuterte Architekt Rainer Ewald beim Empfang nach dem Gottesdienst. Das größte Problem bereiteten die räumlich sehr beengten Verhältnisse im Oktogon mit den Schallläden. Zwar sollten dort ursprünglich alle fünf Glocken untergebracht werden, aber aufgrund der Statik hängt jetzt eine Glocke tiefer im quadratischen Teil, wo vor der Sanierung noch alle Glocken befestigt waren. Wenn die letzten Verstrebungen angebracht sind, kann das Geläut endlich wieder in voller Pracht erklingen.

Die Lutherglocke ist da

© bawa

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Ein großer Augenblick für die Evangelische Kirchengemeinde in Leutkirch: Am 17. Oktober 2017 wurde die neue Lutherglocke in den Turm der Dreifaltigkeitskirche hochgezogen. Schon den ganzen Tag über hatte die mit Stiefmütterchen umkränzte, 1400 Kilogramm schwere D‘-Glocke vor dem Kircheneingang Neugierige angelockt. Da konnte man auch noch in aller Ruhe die eingeprägten Verzierungen und  Inschriften n Augenschein nehmen. „Ein feste Burg ist unser Gott“ – der Anfang von Martin Luthers Lied aus dem Jahr 1529 ziert am unteren Rand das Prachtstück aus der Gießerei Bachert in Karlsruhe. Darüber prangt die Lutherrose. Beides sind sinnfällige Symbole zum 500-Jahr-Jubiläum der Reformation. So hat es sich auch die Familie Gerhard Stör gewünscht, die als Stifter ebenfalls mit einer Inschrift gewürdigt wird.

Bereits gegen 15.30 Uhr hatten sich viele Interessierte rund um den Martin-Luther-Platz eingefunden, um das außergewöhnliche Erlebnis mit zu verfolgen. Ihre Geduld wurde allerdings etwas auf die Probe gestellt, denn erst gegen 17 Uhr bog der riesige Kranwagen in die Evangelische Kirchgasse ein. Schon allein das Aufstellen dieses Ungetüms war ein Schauspiel. Bevor Peter Lorenz, Mitarbeiter der Firma Bachert, die Glocke dann am Haken befestigte, betete Pfarrer Volker Gerlach mit der Gemeinde: „Wir bitten dich, dass diese Glocke nicht überhört wird, sondern dass ihr Klang das Herz vieler erreicht.“ Nach einem „Vater unser“ und der ersten Strophe des Liedes „Großer Gott, wir loben Dich“ hob sich die Glocke vom Boden.

Zunächst gab es noch einmal einen Stopp. Mit drei wuchtigen Schlägen eines Vorschlaghammers brachte Lorenz die Glocke zum Klingen. Dann nahm der Kran Fahrt auf, fuhr hoch hinauf und schwenkte über die Dächer der umstehenden Häuser, um die Glocke an der vorgesehen Stelle des Turms zu platzieren. Allerdings musste sie dann doch noch einmal kurz abgesenkt werden, um die Haltelasche zu verändern. Aber beim zweiten Anlauf klappte alles perfekt, und die Glocke wurde schließlich in den Turm hineingezogen.

Läuten wird sie erstmals zum Gottesdienst am Reformationstag am 31. Oktober. Damit wird auch sogleich die Bestimmung der fünften und nun auch größten Glocke deutlich: Sie dient vornehmlich dem Sonntags- und Festtagsgeläute.  

Vom Zitieren in Zeiten der Fake-News

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Im Luther-Saal unter dem Luther-Bild bei seinem Luther-Referat: Friedemann Weitz.

Vor mehr als 40 Zuhörern beleuchtete Weitz in einem blitzgescheiten, frei gehaltenen und mit Pointen gespickten Vortrag, dass so manches Zitat, das jedermann kennt und Luther als Urheber zumisst, gar nicht von dem wortgewaltigen Reformator stammt. Falsch zitiert zu werden, passiert allerdings nicht nur Luther seit Jahrhunderten. Zur Einstimmung schlug Weitz im Reformationsjahr im Flur des Pfarrhauses – nein, keine Thesen – aber das  „Streiflicht“ der „Süddeutschen Zeitung“ vom Wochenende an die Wand, das sich diesem Thema gewidmet hatte: „Meine Damen, meine Herren, liebe Neger“. Diese haarsträubende Formulierung stammt vom ehemaligen Bundespräsidenten Heinrich Lübke – so hat es sich tief ins kollektive Gedächtnis der Nachkriegsgeneration eingegraben. Aber das ist falsch: Journalisten hatten es ihm in den Mund gelegt!

Irren ist zwar menschlich, bewusste Falschmeldungen in die Welt zu setzen aber sträflich. Besonders krass zu erleben in unserer postfaktischen Zeit mit der explosionsartigen Vermehrung von Fake News dank der sogenannten sozialen Medien. Im krassen Gegensatz dazu stand nun die exakte wissenschaftliche Beweisführung von Friedemann Weitz – und das machte den Vortrag auch so wichtig. Der höchst belesene Kenner alter Sprachen verknüpfte geschickt die Stränge von Luthers Biografie mit verschiedenen populären Redensarten – ob es um seine Kommentare zur Bibel ging, um sein Vergnügen an derben Sprüchen oder um seine Vorliebe für das Pflanzen von Apfelbäumchen angesichts herannahender Katastrophen. Und dann kamen sie auf den Prüfstand.

„Luther war schon zu Lebzeiten legendär“, meinte Weitz. So hat der Wittenberger Theologe wohl auch selbst an seinen eigenen Legenden mitgeschrieben – etwa als er nach mehr als 30 Jahren erst seine Bekehrung durch den Blitzschlag bei Stotternheim 1505 zu Papier brachte: „Hilf du, heilige Anna, ich will Mönch werden.“ Hatte er da den genauen Wortlaut noch im Kopf? Wie Luther die Aufforderung  des Kaisers zum Widerruf auf dem Wormser Reichstag genau ablehnte, wird immer wieder diskutiert. Mit Sicherheit war es nicht das griffige, bekannte Zitat: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir“. Stattdessen fand Weitz allenfalls folgenden Wortlaut: „Ich kann nicht anderst, hier stehe ich, Got helff mir, Amen.

Neben vielen anderen Quellen wurde Weitz vor allem im Zitatennachweis von „D. Martin Luthers Werke“, Weimarer Ausgabe (WA) von 1883, fündig, die sämtliche Schriften Martin Luthers sowie seine von anderen aufgezeichneten mündlichen Äußerungen in Deutsch und Latein umfasst. Dort lässt sich auch Luthers 1530 geschriebener „Sendbrief“ mit der berühmten Erläuterung für eine volksnahe Übersetzung der Bibel nachlesen. „… man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen man auff dem Marckt drumb fragen und denselbigen auff das Maul sehen, wie sie reden und darnach dolmetzschen.“ Daraus wurde bekanntlich „dem Volk aufs Maul schauen“ – ein Begriff, der laut Weitz‘ Recherche allerdings erst 1950 in Anlehnung an Luther geprägt wurde.

Vom Spruch zum „verzagten A…“ über die Anleitung zu ehelichen Pflichten nach dem Motto „der Woche zwier schadet weder mir noch ihr“ bis zum lästerlichen antijüdischen Vers „Trau keinem Wolf auf wilder Heiden, auch keinem Jud auf seine Eiden…“ – Weitz breitete seinen bunten Zitatenschatz aus, stellte lesenswerte Literatur dazu vor, verteilte Lob und Tadel an Schriftstellerkollegen ob ihrer Quellenarbeit und erwies sich nicht nur als exzellenter Kenner Luthers, sondern zeigte auch auf kompakte und doch sehr amüsante Weise, dass Wissenschaft keinesfalls staubtrocken sein muss – auch wenn sie sich mit jahrhundealten Schriften befasst.

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