Vom Ringen um einen gnädigen Gott

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Zum Abschied überreichte Pfarrer Volker Gerlach (links) seinem Kollegen aus Heroldstatt, Pfarrer Dr. Thomas Knöppler, als Dank noch etwas Wegzehrung in Form von Allgäuer Käse und zur Lektüre die neue Broschüre „Das evangelische Erbe“ – eine Einladung zum Wiederkommen.

Wie Luther die mittelalterliche Welt mit seiner Fragen erschüttern und das Tor zur Neuzeit aufstoßen konnte, stand im Mittelpunkt  der Ausführungen von Dr. Thomas Knöpller, eine Veranstaltung der Evangelischen Kirchengemeinde Leutkirch im Rahmen des diesjährigen Reformationsjubiläums.

Rund 100  Zuhörer verfolgten aufmerksam den einstündigen, konzentrierten und fundierten Vortrag  des Theologen, der zunächst die Wahrnehmung des Reformators in der heutigen säkularen Welt ansprach. „Luthers Bild  wird derzeit in den Medien oft eingeengt: der  Genussmensch und der Antisemit“, stellte Knöppler bedauernd fest, um dann Schritt für Schritt diese beschränkte Sicht auf den  Wittenberger Professor zu korrigieren. Er zeichnete das Bild jenes Mannes nach, der als Mönch vor allem mit den Ablasspraktiken seiner Kirche gehadert hatte. Allein Christus kann Sünden vergeben, lautete schon bald die Quintessenz des Bibelübersetzers. Vor dem Reichstag im Worms habe er dann durch seine Weigerung des Widerrufs nicht nur der Bibel die höchste Autorität beigemessen, sondern erstmals auch dem Gewissen des Individuums.  Doch bei aller Standfestigkeit sei Luther stets auch ein innerlich zerrissener Mensch gewesen. So ist für Knöppler nicht der legendäre Wurf mit dem Tintenfass der eindrücklichste Beleg für Luthers Ringen mit dem Teufel, sondern sein im tiefsten Zweifel niedergeschriebenes Bekenntnis: „Ich bin getauft.“ Dies sei für ihn wie eine Rückversicherung des Heils gewesen.

Mit seiner Ehe - er ein Mönch, seine Frau Katharina von Bora eine Nonne – wurden laut Knöppler  bedeutende Gelübde gebrochen, wodurch Luther gerade bei den Orden viel Kredit verlor. Gleichzeitig hat er damit aber auch die Blaupause für das protestantische  Pfarrhaus geliefert, in dem Bildung eine große Rolle spielte und aus dem viele Dichter und Denker hervorgingen.

Differenziert ging der Referent auf Luthers Stellung gegenüber den Bauern ein. Bevor der Reformator mit seiner wütenden Schrift „Wider die Mordischen und Reubischen Rotten der Bawren“  die Fürsten zur brutalen Niederschlagung des Aufstandes ermutigte, habe er durchaus Verständnis für die Aufrührer  gezeigt, die in ihren Zwölf Artikeln von Memmingen aus dem Jahr 1525  als erste Forderung die freie Pfarrerwahl aufgestellt hatten. Erst nach dem brutalen Spießrutenlauf von Weinsberg mit dem Abschlachten der Adligen habe sich Luther eindeutig auf deren  Seite geschlagen. Auch sein Verhältnis gegenüber den Juden habe sich mit der Zeit geändert. In Enttäuschung und schließlich Hass umgeschlagen sei es erst, als sie ihr Desinteresse an Luthers Glaube an Christus als Gottessohn bekundeten.  Knöppler tippte schließlich Luthers Sakraments- und Abendmahlsverständnis an, das einer Verbindung mit den Reformierten entgegenstand. Heute allerdings sei es gerade das in der lutherischen Kirche festgeschriebene Verständnis von der Realpräsenz Christi beim Abendmahl, was eine Annäherung an die katholische Kirche erleichtern könnte.

Was wollte Luther nun wirklich? Sein theologisches Vermächtnis lautet: Allein durch Christus, allein durch den  Glauben  und allein durch die Schrift erfährt der Gläubige Rechtfertigung vor Gott. Oder einfacher ausgedrückt: Allein dadurch öffnet sich das Tor zum Paradies. Die Verkündigung des Evangeliums sollte das Kerngeschäft der Kirche sein, so Knöppler. Er  könne aber bei der evangelischen Kirche derzeit genau das Gegenteil feststellen: „Höchstmögliche gesellschaftliche Relevanz bei geringstmöglicher theologischer Substanz“.  Ein Satz, der mehr als nachdenklich macht. Trotzdem oder vielleicht  gerade deshalb: Großer Applaus für den Gast von der Schwäbischen Alb.