Leben bis zuletzt

Zum 20-jährigen Jubiläum gab es für die Mitglieder der Hospiz-Gruppe eine rote Rose.

„Wir sind Lebensbegleiter“, sagt Ulrike Butscher von der Leutkircher Hospizgruppe sehr bestimmt, und das auch aus gutem Grund: Denn jeder Mensch lebt bis zum letzten Atemzug. „Deshalb wollen wir unsere Ehrenamtlichen auch nicht als Sterbebegleiter bezeichnen“, führt die von der katholischen Kirchengemeinde angestellte Koordinatorin der freiwilligen Einsätze weiter aus. Die Überlegung klingt logisch, und sie hat auch eine psychologische Dimension: Wer holt sich schon gerne einen „Sterbebegleiter“ ins Haus? Diese Bezeichnung lässt nur noch wenig Raum für Zuversicht. Diese ist aber gerade für die Hospizarbeit unverzichtbar, soll dem Kranken und den Angehörigen doch Trost gespendet, Hilfe geboten und vor allem die Angst vor dem genommen werden, was kommt.

Rund 30 Frauen und Männer gehören in Leutkirch der Hospizgruppe an, die vor 20 Jahren gemeinsam von der katholischen und evangelischen Kirchengemeinde gegründet wurde, womit auch der Startschuss für die erste verbindliche ökumenische Zusammenarbeit fiel. Während die Anfänge noch mehr oder weniger ein Learning by doing waren, gibt es seit 2006 regelmäßig Kurse. Dabei werden die Interessierten über ein Jahr lang bei 14-tägigen Treffen und an zwei bis drei Wochenenden vom evangelischen Pfarrer Siegfried Kleih und dem katholischen Diakon Rainer Wagner auf ihre so wichtige wie anspruchsvolle Arbeit vorbereitet. Im November startet wieder ein Kurs. Denn es braucht immer wieder neue Ehrenamtliche. „Wir haben aber einen sehr treuen Mitarbeiterstamm“, sagt Wagner. Nach seiner Erfahrung wird meist erst aus Altersgründen aufgehört. „Dann eben, wenn der eigene Abschied näher rückt.“

Doch was sind das für Mitmenschen, die sich auf diese schwierige Tätigkeit einlassen? Das ist zum Beispiel Gabriele Gohr, schon seit 17 Jahren dabei. Für sie gab es keine Zweifel, dass sie mitmachen würde, als sie von der Hospizgruppe erfuhr, damals noch unter der Leitung von Pfarrerin Magdalene Autenrieth und Diakon Wolfgang Stockburger. Denn Gohr selbst hatte den Tod ihrer Großmutter als zwar trauriges, aber ganz natürliches Ereignis erfahren. Die Oma wurde im Hause gepflegt, zu Hause aufgebahrt und dort auch von den Familienangehörigen in Ruhe und Frieden verabschiedet. Immer wieder besuchte das kleine Mädchen  die Verstorbene zusammen mit dem Großvater – da war nichts von Angst oder Entsetzen. Diese Erfahrung möchte sie immer wieder weitergeben, so wie es auch in den Leitsätzen der Hospizarbeit zu finden ist. „Sterben zu Hause oder in der gewohnten Umgebung zu ermöglichen, ist das vorrangige Ziel der Hospiz- und Palliativarbeit“, heißt es dort unter anderem.

Dass die direkten Angehörigen mit diesen letzten Diensten an einem lieben Verwandten überfordert sein können, weiß Ulrike  Butscher aus den vielen Erfahrungen ihres Teams. Umso wichtiger sei es deshalb für die Betroffenen, das Angebot der Hospizgruppe früh genug anzunehmen, selbst wenn sich die Kranken vielleicht im ersten Moment dagegen sträuben. In diesen Fällen ist Behutsamkeit wichtig, denn schließlich sollen Autonomie und Selbstbestimmung der Leidenden im Mittelpunkt stehen. Andererseits können Ehepartner oder Kinder oft nicht die Präsenz leisten, die gewünscht wird. „Unsere Mutter wollte im Pflegeheim keine Minute alleine sein“, sagt ein erwachsener Sohn und Familienvater. Deshalb waren er und auch sein Vater sehr erleichtert, als die Mutter die Anwesenheit von Begleiterin Gohr akzeptierte. Es war zunächst eine vorsichtige Annäherung. Aber als die Patientin dann sagte: „Ich heiße Roswitha“, und damit das Du anbot, war das Eis gebrochen. Für die Angehörigen brachte die Begegnung mit der Hospiz-Mitarbeiterin zum einen Entlastung bei der Betreuung der Kranken, zum anderen aber konnten sie dank der umsichtigen Mitwirkung letztlich das  Sterben im Kreis der Familie als etwas ganz Normales erfahren.

Zu Hause sterben, das war auch immer der Wunsch von Anita M. Und den hat man ihr erfüllt. Mehrere Monate wurde sie von Angehörigen, Freunden, Hospizmitarbeitern und der Ärztin Brigitte Schuler-Kuon rund um die Uhr betreut. Ein anstrengender, aber auch wertvoller Dienst, der bei allen Beschwernissen  sehr viel Nähe zwischen den Pflegenden und Anita schuf. So waren auch ihre letzten Tage mit Leben erfüllt. Ihre Wünsche wurden nach Möglichkeit alle erfüllt. Auch der nach  Pralinen. Und Schwägerin Heike verwöhnte sie mit Pfannkuchen, denn Rücksicht auf Anitas Diabetes schien nicht mehr sinnvoll. Keiner der Hinterbliebenen möchte diesen friedlichen, stimmigen Abschied missen.

Trotzdem: „Man muss in diesem schwierigen Ehrenamt auch über sich selbst viel nachdenken“, sagt Butscher. Deshalb gibt es für die Aktiven fast monatlich Supervisionstermine. „Doch schon in den  Vorbereitungskursen kann es unter den Teilnehmern zu Selbsterfahrungen kommen, nicht nur hinsichtlich der eigenen Haltung zum Tod, sondern auch mit Blick auf eigene Lebensprobleme“, erklärt Pfarrer Kleih und macht deutlich, warum diese persönlichen Brüche bearbeitet werden müssen. „Da man bei der Begleitung Schwerstkranker immer wieder mit nicht bewältigten Lebenskonflikten konfrontiert wird, müssen die Ehrenamtlichen in sich ruhende Persönlichkeiten sein, die sich und ihre Probleme zurücknehmen können, um für den Kranken und die Angehörigen eine Entlastung zu sein.“ Am Ende der Schulung und einem letzten vergewissernden Gespräch haben die Teilnehmer dann das Rüstzeug im Herzen und ein Zertifikat in der Tasche. Dennoch ist für jeden der erste Kontakt mit einem Menschen am Lebensende eine schwierige und tiefgreifende Erfahrung.

Der Tod wird hier also weder verdrängt noch in Einrichtungen abgeschoben, sondern als Teil des Lebens akzeptiert. Nun gibt es die aktuelle Diskussion um verschiedene Formen der Sterbehilfe, wenn das Leben mühsam wird und den Kranken in eine hilfsbedürftige Lage versetzt. Damit werden nach Ansicht von Kleih aber die Prinzipien der Hospizarbeit unterlaufen. Und er weiß aus Erfahrung: „Menschen wünschen sich keine Sterbehilfe, wenn sie liebevoll umsorgt und begleitet werden.“ Barbara Waldvogel