Der steinige Weg zum Maurer

Im September 2017 begann der 28jährige Nigerianer D. N.in der Leutkircher Berufsschule seine Ausbildung zum Maurer, mit der er hoffnungslos überfordert war.

Im November desselben Jahres erhielt ich vom Seniorexpertenservice in Bonn den Anruf: Ob ich bei der Initiative VerA (Vermeidung von Ausbildungsabbrüchen) mitarbeiten wollte?

Nachdem ich mehr nolens als volens (Handwerk ist nicht ganz meine Welt) mit meinem Zögling eine Stunde gegenseitigen Kennenlernens verbracht hatte, bat ich ihn, um ihn aufzulockern, mir die Zahlen in seiner Muttersprache Igbo beizubringen:

1 otu, 2 abuo, 3 ato, 4 ano, 5 ise, 6 isii, 7 asaa, 8 asato, 9 itoolu, 10 iri .

Dann fragte ich ihn, ob er mir auf Igbo die Zweierreihe aufzusagen könne: 

„abuo 2, ano 4, isii 6, iri 10!?“

„Stopp, wenn Sie das kleine Einmaleins nicht können, werden Sie nie eine Lehre in Deutschland schaffen“, sagte ich.

Als wir uns nach zwei Wochen wieder trafen (eigentlich hatte ich vor zu sagen, dass ich es als verlorene Zeit betrachte, ihm als Ausbildungsbegleiter zur Verfügung zu stehen, hatte er das kleine Einmaleins gelernt!

Wir gaben uns die Hand 

Unser Ziel: Herr N. sollte der beste Maurer von Leutkirch werden!

Fast drei Jahre sind wir nun gemeinsam durch Höhen und Tiefen gegangen. Ich musste mir Fachbegriffe wie „Zementkoeffizient“ aneignen. Er durchlitt die Trennung von seiner deutschen Ehefrau (seine Stiefkinder waren in derselben Altersgruppe wie er). Ich profilierte mich als Eheberater.

Er wechselte die Ausbildungsstelle, weil er schamlos ausgenutzt wurde. Ich redete dem neuen, verständnisvolleren Arbeitgeber ins Gewissen, ihm die Fahrtkosten zu unseren „Arbeitsgesprächen“ zu vergüten.

Er flog aus seiner Wohnung raus. Aber trotz kalter Nächte, die er (bis er endlich eine neue Bleibe fand) auf dem Rücksitz seines alten Audi verbrachte, erschien er jeden Morgen pünktlich zur Arbeit.

Zwei Tage vor seiner Abschlussprüfung in der Berufsschule erhalte ich eine WhatsApp-Nachricht von ihm: 

„Mein Papa ist tötet“.

Tags zuvor hatte er mir bei unserer wöchentlichen Videokonferenz noch erzählt, dass sein Vater Blut hustet und hohes Fieber hat. Ein Röntgenbild hatte Verdacht auf Tuberkulose ergeben, aber der Tb-Test war negativ.

Da sich in dem nigerianischen Krankenhaus trotz Atemnot niemand um den 63- Jährigen gekümmert hat, wollte er noch den Arzt wechseln. „Alles schmeckt süß“, hatte er festgestellt.

Per Ferndiagnose empfahl ich einen Covid-19 Test:

Zu spät!

Herr N. meinte, er steht jetzt die Prüfung nicht durch.

„Wenn Ihr Vater noch leben würde, ich weiß was der Ihnen sagen würde...!“. Ich hatte meinen letzten Trumpf ausgespielt und fühlte mich beschissen - kontaktierte zur Sicherheit noch die Schulsozialarbeiterin.

Heute kam der Anruf:

„Prüfung bestanden!“

Nach drei Jahren Bangen, Drängen und Motivieren hat „mein“ Maurerlehrling es geschafft.

Ich bin stolz auf ihn! 

Ein unterschriebener Übernahmevertrag liegt vor.

Dr. med. Götz Neugebauer