Lesegottesdienst zum Palmsonntag

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Der Apostel Paulus schrieb seinen Hymnus aus dem Römerbrief im Rückblick – bewegt vom nachösterlichen Glauben. Vielleicht kann Paulus Gewissheit unsere Zuversicht stärken – auch jetzt, am Anfang des Weges. Beten wir diesen Hymnus, wie er im Gesangbuch steht (EG 762)

Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?

Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat,

sondern hat ihn für uns alle dahingegeben -

wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?

Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen?

Gott ist hier, der gerecht macht.

Wer will verdammen?

Christus Jesus ist hier, der gestorben ist,

ja vielmehr, der auch auferweckt ist,

der zur Rechten Gottes ist und uns vertritt.

Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes?

Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben,

weder Engel noch Mächte noch Gewalten,

weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges,

weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur

uns scheiden kann von der Liebe Gottes,

die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.

Römer 8,31b-35a.38.39

Stilles Gebet

EG 629 Fürchte dich nicht

Gedanken zum Predigttext des Tages (Markus 14, 3-9)

Liebe Gemeinde, die Geschichte, die an diesem Palmsonntag 2020 zur Predigt vorgeschlagen ist, erscheint wie ein Gegenbild zu unserer Zeit. Es ist eine Erzählung von großer Nähe, ja fast schon Zärtlichkeit zwischen zwei Menschen, die nicht zusammenleben, die keine Familie sind und zu keiner Hausgemeinschaft gehören. Es ist die Geschichte der Salbung in Betanien.

3 Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt. 4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? 5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.
6 Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. 7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. 8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis. 9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.

Eine Frau überwindet jeden Abstand und nähert sich Jesus – und er lässt es zu, nimmt sie sogar in Schutz gegen jene, die von Verschwendung sprechen und sie anfahren. Wo alle, die Jesus nahestehen, noch ganz dem Alltag zugewandt sind, mit ihm essen und mit Recht auf die Not der Armen hinweisen, geht diese namenlose Frau schon einen Schritt weiter. Sie denkt an seinen Tod und sein Begräbnis. Sie sorgt vor für das, was dann nicht mehr möglich sein wird. Und das tut sie verschwenderisch und ohne sich an irgendwelche Konventionen zu halten.

Hier ereignet sich eine Nähe und Verbundenheit, auf die wir in diesen Wochen verzichten müssen. Und vielleicht ist es eine Nähe, die uns in „normalen“ Zeiten eher befremden würde – wie die Jünger. Alle werden von dieser Frau überrascht, von ihrem Eintreten und ihrer Distanzlosigkeit. Sie überschreitet eine Grenze. Wir brauchen Grenzen. Es ist unangenehm, wenn uns jemand zu nahetritt. Jesus lässt es zu. Doch es ist seine Entscheidung. Und dann geht es, dann können wir Grenzen auch verändern und aufgeben, wenn wir einverstanden sind.

In diesen Wochen ist alles anders. Es sind uns Grenzen gesetzt, die wir nicht selbst bestimmen. Wir hoffen gemeinsam, dass Abstandsregeln, Kontaktverbote und Zuhause bleiben Wirkung zeigen. Wir schützen uns gegenseitig, geben acht, helfen zusammen. Und doch müssen wir mit diesen Grenzen umgehen. Manche sind jetzt viel allein – allein mit ihren Gedanken und Sorgen, allein mit sich – abgegrenzt vom Leben da draußen. Andere sitzen eng aufeinander – in ihren vier Wänden, ohne die Möglichkeit sich gegenseitig, auszuweichen, eingegrenzt von nicht immer heilvollen Beziehungen. Und auch die Sorge um den Arbeitsplatz, das Geschäft, das Auskommen, die Zukunft, lassen es für viel zu viele eng werden. Und das alles, ohne, dass wir wissen, wie lange es so sein wird. In diesem einen Punkt gibt es keine feste Grenze.

Der Abstand, den wir jetzt halten müssen, die Grenzen, die wir nicht überschreiten dürfen, unser eingeschränktes Sehen, in dem wir die Not an anderen Orten der Welt aus dem Blick verlieren -dies alles schmerzt und macht ohnmächtig. Es liegt vor uns wie die Dunkelheit des Karfreitags.

Das ist die dunkle, ungewisse Seite dieser Zeit. Und dann gibt es da die wunderbaren Beispiele, wie zahlreiche Menschen ihren Nachbarn und auch zuvor Unbekannten Mut machen, Freude schenken, zur Hilfe kommen. Eine Kraft, füreinander da zu sein, die Hoffnung schenkt, die aus der Krise wächst und die manches auffängt. Wir haben so viel zu geben und tun es auch. Mich erinnert das an die Frau aus der Geschichte, die aus dem Vollen gibt. Die Salbung in Betanien ist auch Sehnsuchtsort.

Wenn wir in dieser Karwoche und auch zu Ostern keine gemeinsamen Gottesdienste in der Kirche feiern dürfen, dann wünsche ich uns allen, dass wir spüren, wie der Glaube uns verbindet und wir Zuversicht schöpfen aus den Worten, die einst der Apostel Paulus in seinem Römerbrief schrieb und die uns davon erzählen, wie Gott inmitten aller Grenzen da ist und mitgeht. Amen

EG 548 Kreuz, auf das ich schaue

Gebet

Ratlos sind wir, Gott,
und bringen unsere Ratlosigkeit vor dich.
In Sorge um unsere Angehörigen sind wir,
und wir bringen unsere Sorge vor dich.
Bedrückt sind wir,
und wir bringen unsere Angst vor dich.
Dankbar sind wir für alle Menschen,
die uns Mut machen,
und wir bringen unseren Dank für sie vor dich.
Mitten hinein in unsere Angst
schenkst du uns das Leben.
Du schenkst uns
Gemeinschaft und
die Fürsorge unserer Freunde und Nachbarn.
Du schenkst uns
Freundlichkeit
und Mut.
Du schenkst uns
den Glauben, die Liebe und die Hoffnung.
Dir vertrauen wir uns an – heute und morgen und an jedem neuen Tag.
Amen.

Vaterunser

Komm Herr segne uns, dass wir uns nicht trennen, sondern überall uns zu Dir bekennen. Nie sind wir allein, stets sind wir die Deinen, Lachen oder Weinen wird gesegnet sein. (EG 170)

Segen

Der Herr segne Dich und behüte Dich.

Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig.

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden